Über die Geduld im „Hundetraining“
Ich möchte es nicht wirklich „Training“ nennen, aber mir fällt auch keine treffendere Umschreibung ein. Wir trainieren nicht. Das wird gerne missverstanden, weil in der gängigen Auffassung ein Hund klare Regeln und Ansagen braucht und schließlich nicht tun und lassen kann, was er will. Stellen sich die Menschen wahrscheinlich immer vor, wenn ich Hundeschule, -training und -trainer in Frage stelle und stringent ablehne. Dass Paul in unserem Zuhause die Weltherrschaft übernommen hat, auf dem Tisch tanzt und uns tyrannisiert.

Weit gefehlt. Es wächst ein kleiner Mahatma Gandhi heran. Freundlich, friedlich, entspannt, anhänglich, mitfühlend, sich perfekt in den Alltag integrierend. Ein Traum von Hund. Wenn wir die Haustür hinter uns schließen und alleine mit unserem Paul sind. Denn daheim ist alles berechenbar, zuverlässig und vertraut. Deshalb ist es auch kein Drama, wenn Paul, was allerdings sehr selten vorkommt, mal für ein paar Stunden alleine bleiben muss. Als würde er wissen, dass er daheim besser aufgehoben ist. Wir treffen immer einen sehr in sich ruhenden Paul an, wenn wir zurückkehren. Das mussten wir nicht üben, das hat sich so ergeben.
Erfolgreicher Rückruf
Auch draußen auf unseren ausgedehnten Spaziergängen hat sich alles sehr vorbildlich entwickelt. Wir haben einen ausnehmend aufmerksamen Hund, der ständig mit uns in Verbindung und sehr zuverlässig im Rückruf ist. Das haben wir nicht trainieren müssen. Das hat sich einfach so gefügt.
Paul ist jetzt knapp 2,5 Jahre. Er ist ein Hovawart, dem man nachsagt, dass er mindestens bis zu seinem 3. Lebensjahr in der Pubertät sei. In der Tat hatte ich mir darüber bei all seinen Vorgängern – wilde Mischungen – nie Gedanken machen müssen. Es gab keine nennenswerten Ausschläge nach oben oder unten, es war eine entspannte und stetige Entwicklung bis zu ihrem Erwachsenendasein.
Bei Paul verhält sich das etwas anders. Zum ersten Mal ist die Rasse, beziehungsweise die Genetik, ein Thema. Was ich zunächst außer Acht lassen wollte, ich aber doch eines Besseren belehrt wurde. Deshalb habe ich zum ersten Mal über Hundeerziehung und -training nachgedacht. Womit das Abenteuer, das Drama und schließlich das Happy End ihren Lauf nahmen.
Hundeerziehung und Versagensängste
Ich kann gar nicht mehr ganz genau sagen, was oder wer mich bewogen hat, über Hundetraining nachzudenken. Waren es die Menschen auf der Straße, die uns vorgewarnt haben, dass es sich bei einem Hovawart um einen schwierigen Charakter handeln würde? Die diversen Hovawart-Experten aus Facebook-Gruppen? Fachliteratur zum Hovawart? Oder meine Erfahrungen, die ich mit Paul als Welpe gemacht habe? Vielleicht auch die Mischung aus allen.

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Abend, als mein Mann von der Arbeit nachhause gekommen ist. Ich fiel ihm in die Arme und vergoss die ein oder andere Träne. Paul war gerade drei Monate alt. Paul hatte mich den ganzen Tag auf Trab gehalten. Keine ruhige Minute, ich war fix und fertig. Wir waren, wie es sich für einen Welpen gehört, mehrmals draußen, haben gespielt, geschmust, gekuschelt, Pauls Räubereien ausgelebt. Ich habe ihm die Wünsche von den Augen abgelesen. Wer kann schon einem Welpen widerstehen und ihm Einhalt gebieten? Ich nicht!
Von seinen Vorgängern war ich gewöhnt, dass sie irgendwann in einen tiefen Schlaf fielen und ich in dieser Zeit in aller Ruhe den Alltag bewältigen konnte. Paul war anders. Sobald ich mich bewegt habe, stand er wieder neben mir, obwohl er gerade noch tief und fest geschlafen hat. Ob ich kurz staubsaugen, die Wäsche sortieren oder das Bett frisch beziehen wollte, Paul war überall mittendrin. Und da das letzte Gassi auch schon wieder eine Stunde her war, hatte er der Einfachheit halber sein Pipi auf dem Teppich erledigt.
Heute weiß ich: mein kleiner Paul hat die Welt in vollen Zügen entdeckt. Er ist keine Schnarchnase, kein Langweiler, kein Ignorant. Noch dazu selbstbewusst, aufgeweckt, neugierig und furchtlos. Zusammen mit meiner verständnisvollen Art, ihm seine Freiheit und sein Wesen zu lassen (trotz meiner Angst, etwas falsch zu machen), ist Paul heute auf seinem perfekten Weg ein großartiger Erwachsener zu werden.
Ich bin unendlich froh und erleichtert, dass ich mir treu geblieben bin. Dass ich mich nicht habe beirren lassen, obwohl ich unsicher war, ob meine Art für Paul die richtige sei. Obwohl ich von allen Seiten gewarnt wurde, dass man so keinen Hovawart erziehen kann.
Ob es Hundetrainer waren, die ich beim Googeln gefunden habe oder schließlich Hovawart-Kenner aus Facebook-Gruppen, sie alle haben mir Angst gemacht. Dass mein Paul sich zu einem Monster entwickeln würde, wenn ich keine Hundeschule mit ihm besuche, ich ihn nicht konsequent, streng und mit klaren Kommandos und fester Hand erziehen würde. Wenn ich Glück hatte, war von „liebevoller Konsequenz“ die Rede. Das „liebevoll“ hat mich kurzfristig beruhigt.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich bei Facebook auf eine andere Art der Hundeerziehung aufmerksam wurde, eine freundliche und auf Augenhöhe. Bis dato wusste ich gar nicht, dass sich daran die Geister scheiden können und es unendlich viele Ansätze von Hundeerziehung gibt. Nachdem ich mehrmals von diversen Administratoren und Mitgliedern von Hovawart-Gruppen per SMS verwarnt wurde, dass meine naive Auffassung großen Schaden anrichten könnte. Natürlich hat mich das verunsichert. Ich dachte, Paul sei bei mir nicht gut aufgehoben, weil ich mit meiner Art irreparablen Schaden anrichten würde. Ich nicht der Typ für einen Hundeplatz bin. Aktivitäten wie Mantrailing und Agility nicht zu meinen Freizeitfavoriten gehören. Mir die Chefrolle nicht liegt. Ich nicht unfreundlich bin. Dafür wurde ich kritisiert und zum Tierquäler gemobbt, weil ich mich gewehrt habe, meine Macht an einem unschuldigen Wesen zu demonstrieren.

Wie sehr hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt einen vernünftigen Menschen und wahren Experten an meiner Seite gewünscht, der das Zauberwort „Geduld“ auch nur im Ansatz erwähnt hätte. Ich hätte mir einiges an Sorgen erspart.
Endlich zur Geduld und den freundlichen Hundetrainern
Geduld und freundliches Hundetraining – beides ist übrigens eng miteinander verbunden. Das sagt einem aber erst einmal so direkt keiner. Muss alles so reibungslos und schnell wie möglich gehen. Wären die Trainer ehrlich, hätten sie wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte ihrer ohnehin schon sehr überschaubaren Klientel. Das wird auch der Grund sein, warum viele der auf den ersten Blick freundlichen Trainer dann doch hier und da von ihren Vorsätzen abweichen. Weil es den Hundehaltern nicht schnell genug geht, dass der Hund wie gewünscht funktioniert.
Dann geht es also doch nicht nur um ein friedliches und liebevolles Miteinander, sondern darum, so schnell wie möglich zu funktionieren und kein Aufsehen zu erregen.
Wie gut, dass ich ebenso wie mein Hund sehr stur bin. Sobald es darum geht, dass mein Hund vor anderen Bedürfnissen zurückstecken muss, hat man meine Aufmerksamkeit verloren. Ich übe keinen Druck auf meinen Hund aus, damit andere sich nicht gestört fühlen.
Wie erleichtert bin ich immer, wenn mir in den sozialen Medien ein Hundetrainer zugespielt wird, der zunächst meine offenen Türen einrennt. Mich erreicht, weil er einen freundlichen Eindruck macht, nicht mit einem gestressten Border Collie seine Kompetenz unterstreichen möchte, mal nicht Horrorszenarien gesponnen und gezeigt werden.
Nur zu gerne freunde ich mich mit ihnen an, um nach drei weiteren Videos die zarten Bande wieder ernüchtert zu lösen. Die Quote derer, die wirklich verstanden haben, worum es (mir) wirklich geht, ist mau. Ich habe mittlerweile ein gutes Gespür. Wenn der Hund dann doch auf seine Decke muss, wenn Besuch kommt, er nicht in die Küche oder ins Schlafzimmer darf und schließlich doch von Erziehung, Führung und Grenzen die Rede ist, dann bin ich wieder raus. Es ist wohl gerade ein Lifestyle, sich als ‚freundlichen Hundetrainer‘ zu bezeichnen. Das hat nichts mit dem Herz am rechten Fleck zu tun.
Deshalb rate ich, genau hinzuschauen, von wem man sich beraten lässt oder wen man letztendlich als ‚Trainer‘ in das analoge Leben lässt.
Als ‚Trainer‘ bezeichnen sie sich übrigens nicht gerne. Sie sehen sich als Coach für Mensch und Hund. Haben eher den Menschen im Fokus, als vermeintliche Probleme des Hundes. Aber so wird man eben nicht im Internet oder Telefonbuch gefunden.
Wir hatten ein paar Unterrichtsstunden bei einer Trainerin, die bis heute mein wichtigster magic moment im Leben bleibt, da war Paul gerade ein gutes Jahr alt. Ich hatte sie über Facebook gefunden, genau zum richtigen Zeitpunkt, als Hovawart-Experten mich vor meinem allzu laschen Umgang mit Paul warnten. In unserem ersten Telefonat fragte sie mich nach meinen Erwartungen. Ich klagte ihr mein Leid, dass ich fürchtete, einem Hovawart nicht gewachsen zu sein. Ob Ich ein Rassist sei, wollte sie wissen. Ich könnte mir vorstellen, dass damit für viele das Gespräch bereits beendet gewesen wäre. Mich hat diese Frage sofort erleichtert und die gesamte Last von meinen Schultern genommen. Ein Hovawart sei ein Hund wie jeder andere.
Fakt ist, egal ob Schäferhund, Mastiff, Malteser, Dackel oder Hovawart, sie alle haben es verdient, freundlich aufwachsen zu dürfen. Bei allen erreicht man damit auch alles, was man erreichen möchte. Früher oder später. Je nach Geduld des Menschen und Genetik des Hundes. Die Genetik ist nicht der Grund, warum ein Hund mit Strenge oder Freundlichkeit erzogen werden muss. Sondern die Genetik das Verhalten eines Hundes erklärt, warum er wie reagiert. Paul ist ein Hovawart, damit ein Wachhund. Er gilt als wachsam und hingebungsvoll, was ich vollumfänglich unterschreibe.

In einer ausführlichen E-Mail wurden wir über den Ablauf unseres 2-Tage-Kurses aufgeklärt, der nur mit einem Brustgeschirr angetreten werden dürfe. Heute weiß ich, dass das einer der wichtigsten Indikatoren ist, ob man mit seinem Hundekind in den richtigen Händen ist. Da fallen schon mal über 50 Prozent durchs Raster.
Danach war die grobe Marschrichtung vorgegeben. Wir wußten, dass wir einen großartigen Hund haben. Den Feinschliff habe ich mir dann über die sozialen Medien bei einigen anderen Coaches geholt. Quasi maßgeschneidert auf mein Paulchen und mich. Was sich nicht gut anfühlte, habe ich nicht gemacht.
Ein weiterer magischer Moment: Im Zoom-Meeting eines Hunde-Mensch-Coaches schilderte eine besorgte Hundebesitzerin von einer unschönen Hundebegegnung, woran ihr eigener Hund nicht ganz unschuldig war. Hundebegegnungen, wenn ein Hund nicht an der Leine ist, laufen gemeinhin unter Todsünde. Nicht bei unseresgleichen. Das kann passieren, das ist sch…, abhaken und ein paar Tage für Ruhe sorgen.

An Hundebegegnungen scheiden sich die Geister
Von Ulli Reichmann, Autorin und Gründerin der Ullihunde-Philosophie, habe ich gelernt, dass man nicht genug loben kann. Das tue ich. 1000mal am Tag. Wenn Paul tut, was ein Hovawart tun muss. Wer wird nicht gerne gelobt, Lob verleiht Flügel. Hunde sind sehr viel zugänglicher und entspannter, wenn sie nicht ständig das Gefühl haben, etwas falsch zu machen.
Zum Leidwesen anderer blaffe und maßregele ich nicht. Ich bleibe freundlich, verständnisvoll und lobe viel. Was nicht unbedingt auf Verständnis stößt.
Ich war vor ein paar Wochen noch sehr spät mit Paul unterwegs auf einer letzten Pipirunde. Aus dem Nichts tauchte plötzlich ein älterer, etwas gewöhnungsbedürftiger Mann auf. Ich bin erschrocken, Paul hat aufgepasst und entsprechend reagiert. Wofür ich dankbar war und ihn entsprechend gelobt habe. Nicht gerade zum Wohlgefallen des Störenfrieds…
Ein weiterer Meilenstein in unserer Entwicklung war ein Facebook-Beitrag über die Schleppleine, die zunächst meiner romantischen Vorstellung des Miteinanders widersprach. Wer träumt nicht von entspannten Spaziergängen, Seite an Seite, versunken im Hier und Jetzt – ohne Leine.
Der Beitrag war so überzeugend, dass die Schleppleine fortan unser liebster Begleiter war.
In der Tat hat uns die Schleppleine entspannt. Vielleicht weil sie mich zuerst entspannt hat und Paul meine Erleichterung gespürt hat. Dass wir niemanden mehr belästigen und es keine bösen Worte mehr gibt. Es gibt Videos, da sitzt er mehrere Minuten da und beobachtet. Mit der entsprechenden Individualdistanz ist Paul unglaublich entspannt und geduldig. Er schaut Menschen mit ihren Hunden nach bis er sie nicht mehr sieht. Diese Zeit lasse ich ihm ausnahmslos, wenn er sie braucht. Ich glaube, dass er dadurch lernt, dass er nicht überall hinrennen muss. In der Zwischenzeit sind mein Mann und ich ihm wichtiger geworden, was ich niemals zu hoffen gewagt hätte. Was aber auch nicht mein Ansinnen war, für Paul wichtiger als alles andere zu sein. Aber jetzt ist es so. Er genießt unsere aufrichtigen Komplimente, unsere von Herzen kommende Anerkennung, unsere große Liebe für ihn und wenn er sich entscheiden muss, weil wir ihn freundlich rufen, dann entscheidet er sich in den meisten Fällen für uns. Noch ist er in der Pubertät und keine zweieinhalb Jahre alt.
Irgendwann hat man es, das Netzwerk aus vertrauenswürdigen Menschen, von denen man gerne eine Empfehlung annimmt. So bin ich auf Gloria Volkheimer gestoßen, einer zertifizierten Hundetrainerin und Verhaltenstherapeutin (fiffiundstruppi.de). Sie macht einen sehr hörenswerten Podcast, mit dem vielsagenden Titel „Fiffi & Struppi hören zu„. Mit sehr lehrreichen Folgen rund um beliebte Themen wie Leinenbegegnungen, Gestaltung von Spaziergängen, Trainingsmethoden, Hitzetipps, den Umgang mit Menschen, Entwicklungsphasen… Entweder referiert sie sehr kurzweilig alleine oder sie unterhält sich mit ebenso freundlichen Fachleuten auf einem sehr ansprechenden Niveau.
Ihre Podcastfolgen haben eine fast meditative Wirkung auf Paul und mich. Weil sie durchgehend freundlich und positiv (Alltags)Probleme anspricht und hoffnungsvolle Lösungswege aufzeigt. Auch bei ihr sind das Management von Hundebegegnungen Thema. Aber nicht mit Groll betrachtet, sondern als Chance zum Üben. Sie hat sehr viel mehr Leichtigkeit in unsere Spaziergänge gebracht, weil sie es geschafft hat, meinen Blickpunkt zu verändern. Aus Anspannung wurde freudige Erwartung. Hey, da vorne kommt ein Hund. Statt: Um Himmels Willen, was mache ich bloß? Denn Hundebegegnungen können bei anderen Trainern auch schon mal in die Kategorie Schwerverbrechen fallen.
Wir sind noch lange nicht so weit, dass Begegnungen entspannt vonstatten gehen. Auch Gloria Volkheimer plädiert für Geduld, Trainingspausen, Einhaltung der Individualdistanz (bei Paul reicht eine Straßenbreite noch nicht).
Interessant fand ich eine Podcastfolge, in der es darum ging, den entgegenkommenden Hundehalter einzuschätzen. Ob es deshalb nicht manchmal sogar besser ist, umzukehren oder wenn möglich einen großen Bogen zu laufen, wenn der dazugehörige Hund aversiv erzogen wird. Um seinem eigenen Hund eine negative Erfahrung zu ersparen.

Sehr interessant fand ich eine Podcastfolge, in der es um Macht und Anerkennung ging.
„Eine erzwungene, durch Druck und Sanktionen eingeforderte Anerkennung ist keine aufrichtige Anerkennung“, besagt eine Theorie des Philosophen Hegel. Dieses Zitat ist seither mein wichtigstes Mantra.
Fazit
Die wirklich guten Hundetrainer findet man nicht über Werbung bei Facebook, sondern durch kritisches Prüfen und genaues Hinsehen! Oder wie einen guten Handwerker, gutes Restaurant, guten Frisör, guten Arzt… über die Empfehlung gleichgesinnter Menschen. Man entwickelt ein Gespür dafür, wessen Rat man annimmt und was man am besten gleich wieder vergessen sollte.
Auch Facebook-Gruppen, deren Fokus auf Erziehung liegt, sind nur wenig zielführend. Im Gegenteil, sie tragen eher zu allgemeiner Verunsicherung bei. Denn dort tummeln sich sehr viele selbsternannte Experten, die aus der Anonymität heraus große Töne spucken. Je lauter, desto schlimmer. Wie will man mit einer militanten Art ein guter Ratgeber sein? Wer wirklich etwas zu sagen hatte und wem am Herzen lag, dass alles gut wird, der hat sich persönlich bei mir gemeldet.
Schon lange hat ein neues Zeitalter der Hundeerziehung Einzug erhalten. Trifft man auf die wirklich ernstzunehmenden freundlichen Hundetrainer und liest man aktuelle Literatur, dann gibt es gar keine Alternative. Erstaunlich, wie vehement sich dagegen gewehrt wird, ohne sich jemals damit befasst zu haben. Wie groß die Ablehnung ist, ohne es je probiert zu haben.
Für alle Zweifler: Paul ist der beste Beweis! Hätten wir keinen dickköpfigen Hovawart, sondern einen kleinen, gutmütigen Mischling, wir wären wahrscheinlich das beste Aushängeschild überhaupt für ein perfektes Team.
Aber gerade bei so einem selbstbewussten Charakter wie Paul es ist, zählen unsere Erfolge doppelt. Am Feinschliff arbeiten wir noch. Beziehungsweise er wird von ganz alleine kommen. Paul bestimmt den Zeitpunkt. Vieles geschieht von heute auf morgen, ohne dass wir es erwartet hätten. Wir werden einfach nicht müde und bleiben geduldig.
Wenn ich aufliste, was Paul alles kann, was er schon verinnerlicht hat, wie er ist und zu welcher Persönlichkeit er sich entwickelt hat, bin ich sehr, sehr selig und stolz auf diesen jungen Mann.
Dabei haben wir keine Tricks, keine Kommandos, keine Methoden, keine feste Hand angewandt. Paul durfte und darf sich seinem Wesen und seiner Genetik entsprechend entwickeln. Paul, mein Mann und ich waren von Anfang an ein liebevolles und geduldiges Team. Wir leben einfach miteinander und Paul fügt sich perfekt wie ein Puzzleteil ein.
Ich gebe zu, dass ich manchmal unsicher war. Ich habe das zu Beginn erklärt, ich hatte schlicht und ergreifend Angst, etwas falsch zu machen. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich mich bis dahin auch noch nie mit dem Hundeverstand und den aktuellen Trainingsansätzen befasst hatte. Auch dafür bin ich Paul sehr dankbar, dass ich mit ihm die Möglichkeit habe, all das zu lernen, zu verstehen und mit ihm zu erleben.

Ich bin kein Hundetrainer, kein Verhaltenstherapeut und kein Hovawart-Experte. Was ich aber mittlerweile mit Sicherheit sagen kann, WIE und WARUM ein Hund verhaltensauffällig wird. Besonders, wenn es sich um so starke Charaktere handelt wie Paul einer ist. Sie brauchen dann alles, nur keine feste Hand, Strenge oder Bestrafung. Sondern vielmehr Verständnis, Einfühlungsvermögen und Geduld. Hätten wir Pauls Willen und seinen Charakter zu brechen versucht, dann wäre er heute eine tickende Zeitbombe. So wie es viele Hovawart-Besitzer mir ungewollt kommuniziert haben. Trotz Hundeschule und hartem Training. Weil sie mich warnen wollten, dass ich mit meiner „Wattebausch-Methode“ nicht weit kommen würde. Stattdessen haben sie mit ihrer Art die Probleme erst geschaffen, wovor man mich warnen wollte.
Ganz viele Hovawarte werden schon nach ein paar Wochen oder Monaten wieder abgegeben. Das Internet ist voll von verhaltensauffälligen und nicht mehr gewollten Hovawarten. Weil man überfordert ist, mit der selbstbewussten Art nicht zurecht kommt, man gebissen wurde oder sich um die Kinder fürchtet. Auf wie vielen Fotos sehe ich einen Maulkorb.
Hat man mir auch prophezeit, dass Paul mit spätestens anderthalb Jahren wieder als Problemhund im Tierheim landen wird.

Paul kennt kein „Nein“. Trotzdem weiß er mit seinen knapp zweieinhalb Jahren, was er darf und was wir nicht so gut finden. Er stiehlt nichts mehr vom Tisch, das war lange seine Leidenschaft. Weil er weiß, dass er auch ohne Diebeszug etwas bekommt.
Wenn er erwartungsvoll vor seiner Schublade in der Küche steht, in der seine Leckerchen aufbewahrt sind, dann bekommt er eines. Ich finde das schön, wenn ein Hund sich mitteilen kann. Paul nutzt das nicht aus und macht es auch nicht regelmäßig. Nur dann, wenn ihm danach ist.
Er freut sich, wenn er sieht, dass ich sein Essen zubereite. Er kommt in die Küche, legt sich brav hin und wartet geduldig bis ich ihm seine Schüssel vorsetze. Da braucht es keine Impulskontrolle. Es ist von Natur aus alles sehr entspannt.

Paul hat noch nicht einmal geknurrt, die Lefzen hochgezogen oder gar geschnappt. Wie oft musste ich ihm schon in sein Mäulchen fassen, weil ich nicht wusste, was er draußen aufgelesen hatte. Oder weil er etwas stibitzt hatte, was nicht gut für ihn gewesen wäre. Ich kann ihm seinen Napf wegnehmen, wenn ich eine Zutat vergessen habe. Er hält still, wenn ich ihm die Ohren säubern muss oder wenn wir ihm an schwierigen Stellen eine Zecke entfernen müssen. Im Herbst sind wir oft stundenlang beschäftigt, ihm Hunderte von Kletten aus seinem Fell zu entfernen. Das lässt er sich sehr geduldig gefallen. Wenn es ziept, leckt er unsere Hand. Noch nie ist er vor uns zurückgeschreckt. Noch keiner unserer Hunde lag so oft auf dem Rücken und hat alle Viere von sich gestreckt. Sobald er uns sieht, zeigt er uns seinen Bauch. Unzählige Male wälzt er sich auf unseren Gassirunden in der Wiese. Voller Lebensfreude und Glück. Das ist der Lohn für unsere Geduld. Die schönste Bezahlung auf der ganzen Welt. Das wird aus einem Hund, wenn man ihn respektiert. Wenn man mit ihm lebt und sich auf ihn einlässt.
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2 Kommentare
Oliver/Ayko
Hallo liebe Heike,
das ist eine so schöne Erzählung und ich bin froh darüber, dass ich das letzte Jahr daran teilhaben durfte. Wenn auch nur über Messenger oder Telefon. Ich hoffe, ich konnte Dir auch ein paar Dinge mit auf den Weg geben, die Dich weiter gebracht haben. Dort hin, wo Du jetzt bist. Ich bin zwar auch so was wie ein Hovawart-Experte, aber Du weißt, ich bin anders, als die fb-Mannschaft! Das Wort Geduld hatte ich auch oft im Mund 😂
Mach weiter so. Der Weg ist der richtige! 👍🏻
Heike Ermel
Lieber Oliver,
wie ich im Beitrag geschrieben habe: die, die wirklich etwas zu sagen hatten, haben sich persönlich bei mir gemeldet. Mich auf meinem Weg bestätigt oder mir den ein oder anderen Tipp gegeben, den ich annehmen konnte. Darunter auch du. Das weiß ich natürlich sehr zu schätzen. Umso mehr, weil du dich in meine Lage versetzt und verstanden hast, worum es mir geht.
Fast ein wenig schade, denn gerade Facebook-Gruppen würden an Format gewinnen, wenn nicht nur immer die Besserwisser sich mit ihrem Absolutheitsanspruch zu Wort melden würden.
Würde mir heute nicht mehr passieren, da ich mir ja mittlerweile mein eigenes „Hovawart-Wissen“ angeeignet und die richtigen Berater in meinem Umfeld habe. So wirst du auch weiterhin Teil unseres Beraterteams sein und an Pauls schöner Entwicklung teilhaben.
Liebe Grüße und herzlichen Dank für dein Feedback
Heike