Über die Geduld im „Hundetraining“

Ich möchte es nicht wirklich „Training“ nennen, aber mir fällt auch keine treffendere Umschreibung ein. Wir trainieren nicht. Das wird gerne missverstanden, weil in der gängigen Auffassung ein Hund klare Regeln und Ansagen braucht und schließlich nicht tun und lassen kann, was er will. Stellen sich die Menschen wahrscheinlich immer vor, wenn ich Hundeschule, -training und -trainer in Frage stelle und stringent ablehne. Dass Paul in unserem Zuhause die Weltherrschaft übernommen hat, auf dem Tisch tanzt und uns tyrannisiert.

A und O für ein entspanntes Miteinander: Geduld

Weit gefehlt. Es wächst ein kleiner Mahatma Gandhi heran. Freundlich, friedlich, entspannt, anhänglich, mitfühlend, sich perfekt in den Alltag integrierend. Ein Traum von Hund. Wenn wir die Haustür hinter uns schließen und alleine mit unserem Paul sind. Denn daheim ist alles berechenbar, zuverlässig und vertraut. Deshalb ist es auch kein Drama, wenn Paul, was allerdings sehr selten vorkommt, mal für ein paar Stunden alleine bleiben muss. Als würde er wissen, dass er daheim besser aufgehoben ist. Wir treffen immer einen sehr in sich ruhenden Paul an, wenn wir zurückkehren. Das mussten wir nicht üben, das hat sich so ergeben.

Absolut erfolgreicher Rückruf

Auch draußen auf unseren ausgedehnten Spaziergängen hat sich alles sehr vorbildlich entwickelt. Wir haben einen ausnehmend aufmerksamen Hund, der ständig mit uns in Verbindung und sehr zuverlässig im Rückruf ist. Das haben wir nicht trainieren müssen. Das hat sich einfach so gefügt.

Paul ist jetzt knapp 2,5 Jahre. Er ist ein Hovawart, dem man nachsagt, dass er mindestens bis zu seinem 3. Lebensjahr in der Pubertät sei. In der Tat hatte ich mir darüber bei all seinen Vorgängern – wilde Mischungen – nie Gedanken machen müssen. Es gab keine nennenswerten Ausschläge nach oben oder unten, es war eine entspannte und stetige Entwicklung bis zu ihrem Erwachsenendasein.
Bei Paul verhält sich das etwas anders. Zum ersten Mal ist die Rasse, beziehungsweise die Genetik, ein Thema. Was ich zunächst außer Acht lassen wollte, ich aber doch eines Besseren belehrt wurde. Deshalb habe ich zum ersten Mal über Hundeerziehung und -training nachgedacht. Womit das Abenteuer, das Drama und schließlich das Happy End ihren Lauf nahmen.

Hundeerziehung und Versagensängste

Ich kann gar nicht mehr ganz genau sagen, was oder wer mich bewogen hat, über Hundetraining nachzudenken. Waren es die Menschen auf der Straße, die uns vorgewarnt haben, dass es sich bei einem Hovawart um einen schwierigen Charakter handeln würde? Die diversen Hovawart-Experten aus Facebook-Gruppen? Fachliteratur zum Hovawart? Oder meine Erfahrungen, die ich mit Paul als Welpe gemacht habe? Vielleicht auch die Mischung aus allen.

Paul entdeckt die Welt

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Abend, als mein Mann von der Arbeit nachhause gekommen ist. Ich fiel ihm in die Arme und vergoss die ein oder andere Träne. Paul war gerade drei Monate alt. Paul hatte mich den ganzen Tag auf Trab gehalten. Keine ruhige Minute, ich war fix und fertig. Wir waren, wie es sich für einen Welpen gehört, mehrmals draußen, haben gespielt, geschmust, gekuschelt, Pauls Räubereien ausgelebt. Ich habe ihm die Wünsche von den Augen abgelesen. Wer kann schon einem Welpen widerstehen und ihm Einhalt gebieten? Ich nicht!
Von seinen Vorgängern war ich gewöhnt, dass sie irgendwann in einen tiefen Schlaf fielen und ich in dieser Zeit in aller Ruhe den Alltag bewältigen konnte. Paul war anders. Sobald ich mich bewegt habe, stand er wieder neben mir, obwohl er gerade noch tief und fest geschlafen hat. Ob ich kurz staubsaugen, die Wäsche sortieren oder das Bett frisch beziehen wollte, Paul war überall mittendrin. Und da das letzte Gassi auch schon wieder eine Stunde her war, hatte er der Einfachheit halber sein Pipi auf dem Teppich erledigt.

Heute weiß ich: mein kleiner Paul hat die Welt in vollen Zügen entdeckt. Er ist keine Schnarchnase, kein Langweiler, kein Ignorant. Noch dazu selbstbewusst, aufgeweckt, neugierig und furchtlos. Zusammen mit meiner verständnisvollen Art, ihm seine Freiheit und sein Wesen zu lassen (trotz meiner Angst, etwas falsch zu machen), ist Paul heute auf seinem perfekten Weg ein großartiger Erwachsener zu werden.
Ich bin unendlich froh und erleichtert, dass ich mir treu geblieben bin. Dass ich mich nicht habe beirren lassen, obwohl ich unsicher war, ob meine Art für Paul die richtige sei. Obwohl ich von allen Seiten gewarnt wurde, dass man so keinen Hovawart erziehen kann.
Ob es Hundetrainer waren, die ich beim Googeln gefunden habe oder schließlich Hovawart-Kenner aus Facebook-Gruppen, sie alle haben mir Angst gemacht. Dass mein Paul sich zu einem Monster entwickeln würde, wenn ich keine Hundeschule mit ihm besuche, ich ihn nicht konsequent, streng und mit klaren Kommandos und fester Hand erziehen würde. Wenn ich Glück hatte, war von „liebevoller Konsequenz“ die Rede. Das „liebevoll“ hat mich kurzfristig beruhigt.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich bei Facebook auf eine andere Art der Hundeerziehung aufmerksam wurde, eine freundliche und auf Augenhöhe. Bis dato wusste ich gar nicht, dass sich daran die Geister scheiden können und es unendlich viele Ansätze von Hundeerziehung gibt. Nachdem ich mehrmals von diversen Administratoren und Mitgliedern von Hovawart-Gruppen per SMS verwarnt wurde, dass meine naive Auffassung großen Schaden anrichten könnte. Natürlich hat mich das verunsichert. Ich dachte, Paul sei bei mir nicht gut aufgehoben, weil ich mit meiner Art irreparablen Schaden anrichten würde. Ich nicht der Typ für einen Hundeplatz bin. Aktivitäten wie Mantrailing und Agility nicht zu meinen Freizeitfavoriten gehören. Mir die Chefrolle nicht liegt. Ich nicht unfreundlich bin. Dafür wurde ich kritisiert und zum Tierquäler gemobbt, weil ich mich gewehrt habe, meine Macht an einem unschuldigen Wesen zu demonstrieren.

Wie sehr hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt einen vernünftigen Menschen und wahren Experten an meiner Seite gewünscht, der das Zauberwort „Geduld“ auch nur im Ansatz erwähnt hätte. Ich hätte mir einiges an Sorgen erspart.

Vom Suchen und Finden des passenden Hundetrainers

Schließlich bin ich über Facebook auf eine Hundetrainerin gestoßen, die all das, was für mich nicht in Frage kam, ebenso abgelehnt hat. Als hätte sie meine Gedanken lesen können. Der Hund darf als gleichberechtigtes Familienmitglied gesehen und behandelt werden. Es ist keine Dominanz nötig, um seinen Hund auf einen guten Weg zu bringen. Auch keine unfreundlichen Kommandos. Hundeschulen und die klassischen Trainingsmethoden schnitten sehr schlecht ab, inklusive aller Trainer, die man aus dem Fernsehen kennt.

Das hat mich zunächst erleichtert und unseren Weg bestätigt. Wir haben ein paar Privatstunden genommen und die Bestätigung erhalten, dass Paul auf einem sehr guten Weg ist. Für den Feinschliff hat es allerdings nicht gereicht. Irgendwann fühlte ich mich alleine gelassen und auf dem Facebook-Profil der Trainerin nahmen politisch-brisante Themen überhand, die noch dazu undiplomatisch kommentiert wurden. Das hat sie dann für mich als freundliche Trainerin disqualifiziert.

Diese Liste an Fröschen, die ich geküsst und wieder ins Wasser zurückgesetzt habe, lässt sich endlos fortsetzen. Nur deshalb, weil ich in meiner über 30jährigen Hundehalter-Laufbahn völlig grundlos verunsichert war. Weil wir mit Paul einen charakterstarken, selbstdenkenden und selbstbewussten Hund adoptiert haben und mir wildfremde Menschen haltlose Weisheiten zugeflüstert haben.
Social Media sind Fluch und Segen zugleich. So schön es ist, dass man den Bedürfnissen entsprechend Werbung erhält, unter anderem auch einen vermeintlich freundlichen Hundetrainer nach dem anderen auf dem Silbertablett serviert bekommt. Doch sollte man genauer hinter die Kulissen schauen und sich nicht durch einen Beitrag beeinflussen lassen, der gerade den Nagel auf den Kopf trifft. Man sollte sich die Profile hinter den Trainern schon genauer anschauen. Ich mag es zum Beispiel überhaupt nicht, wenn vom eigentlichen Thema abgewichen wird und Hundetrainer plötzlich zu Corona- oder Kriegsexperten mutieren. Mit ihnen die ganze Heerschar an Followern, die sich alle einig sind. Und wehe es ist auch nur einer anderer Meinung, auf den stürzen sich dann die Aasgeier und machen ihn fertig. Ganz zum Wohlgefallen des Hundetrainers, der die folgsamen Hündchen mit Likes und Herzchen würdigt.

Die Suche nach dem geeigneten Hundetrainer kann ermüdend sein

Auffällig ist, dass sich unter der neuen Generation von Hundetrainern kaum ein Mann findet. Aus diesem Grund ist mir kürzlich ein männlicher Vertreter aufgefallen, der in einem Video so süß mit seinen vielen Tierschutzhunden gekuschelt hat und sehr schlau über Geduld und Bindung gesprochen hat, die die Basis einer guten Hund-Mensch-Beziehung seien. Ich dachte, dass es nicht schaden könnte, mal einen Mann zu hören und habe mir hoffnungsvoll den dazugehörigen Workshop gekauft und heruntergeladen. Bereits nach fünf Minuten wusste ich, dass es besser gewesen wäre, das Geld einem meiner Tierschutzvereine zu spenden.
Nichts, was ich nicht entweder selbst gewusst hätte oder was für mich erst überhaupt nicht in Frage kommt. Brauche ich eine Anleitung dafür, mich zu meinem Hund auf den Boden zu setzen, um Vertrauen aufzubauen? Traumatisiert von einem Burnout, rät er, zuerst an sich zu denken. Morgens gemütlich seinen Kaffee zu trinken und das Fitnessprogramm zu absolvieren.
Hallo? Gehe ich, wenn es sein muss, nachts dreimal auf Klo und Paul muss es sich aus den Rippen schwitzen, weil ich ein Egoist bin? Das soll der Bindung dienlich sein? Oder die Tatsache, dass man seinen Hund unbedingt an andere Bezugspersonen gewöhnen muss, damit keine Abhängigkeit entsteht und der Hund keine Besitzansprüche stellt?

An Hundebegegnungen scheiden sich die Geister

Die Krönung war, dass dieser Hundetrainer bei Facebook ein Video gepostet hat, in dem er sich über eine morgendliche Hundebegegnung sehr undiplomatisch beschwert hat. Nichts war passiert. Ein herrenloser Hund kam ihm ohne Leine entgegen. Das Herrchen, das wenig später um die Ecke bog, hat sich entschuldigt. Nicht mehr, nicht weniger. Über 1000 Kommentare. Alles Frauen, die den Trainer offensichtlich anhimmeln. Er spräche ihnen aus der Seele. Nichts sei schlimmer, als freilaufende Hunde. Tot gebissen wurden ihre Hunde schon, zumindest kannte jede zweite jemanden, dem das passiert sei. Seitdem seien sie mit Pfefferspray bewaffnet, schreien, schlagen und treten, wenn ihnen ein anderer Hund zu nahe kommt.

Ich habe ihn in meinem Kommentar verlinkt und ihn gebeten, diesen Kriegsschauplatz zu beenden. Ich bat ihn, Stellung zu Pfefferspray, Schlägen und Tritten zu nehmen. Seine Meinung dazu hätte mich wirklich interessiert. Stattdessen wurde mein Kommentar gelöscht und ich blockiert. Auch eine E-Mail blieb unbeantwortet.

Endlich zur Geduld und den freundlichen Hundetrainern

Geduld und freundliches Hundetraining – beides ist übrigens eng miteinander verbunden. Das sagt einem aber erst einmal so direkt keiner. Muss alles so reibungslos und schnell wie möglich gehen. Wären die Trainer ehrlich, hätten sie wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte ihrer ohnehin schon sehr überschaubaren Klientel. Das wird auch der Grund sein, warum viele der auf den ersten Blick freundlichen Trainer dann doch hier und da von ihren Vorsätzen abweichen. Weil es den Hundehaltern nicht schnell genug geht, dass der Hund wie gewünscht funktioniert.

Dann geht es also doch nicht nur um ein friedliches und liebevolles Miteinander, sondern darum, so schnell wie möglich zu funktionieren und kein Aufsehen zu erregen.
Wie gut, dass ich ebenso wie mein Hund sehr stur bin. Sobald es darum geht, dass mein Hund vor anderen Bedürfnissen zurückstecken muss, hat man meine Aufmerksamkeit verloren. Ich übe keinen Druck auf meinen Hund aus, damit andere sich nicht gestört fühlen.

Michèle Roncaglioni-Dellsperger (Sirius Hundeschule)

Zu diesem Schluss bin ich mit einem wirklich guten, lieben, freundlichen und geduldigen Hundecoach gekommen: Michèle Roncaglioni-Dellsperger, Inhaberin der Sirius Hundeschule in der Schweiz. Es lohnt sich, sich einmal auf ihrer Webseite umzusehen. Sehr viele lesenswerte Texte und lehrreiche Videos. Unglaublich viel Wissen, das sie weitergibt, ohne daraus teure Webinare oder Workshops zu machen!

Wir haben uns über einen gemeinsamen Freund bei Facebook kennengelernt und mit der Zeit herausgefunden, dass wir sehr viele Gemeinsamkeiten haben. Nicht nur, was Hundeerziehung anbelangt. Das ist es genau, was dieses liebevolle Begleiten seines Hundes in Wirklichkeit ausmacht. Das Leben mit Hund auf Augenhöhe ist eine Lebenseinstellung. Keine neue Trainingsmethode, keine Lifestyleerscheinung, kein Spleen von veganen Spinnern.
Damit ist offensichtlich, warum ich kurzfristig unglücklich war, weil ich dachte, man könne mit meiner Auffassung des liebevollen Miteinanders keinem Hovawart gerecht werden.
Was im Umkehrschluss ein Verhängnis für einen Hund ist, der mit einem Alphamenschen zusammenlebt. Dominiert zu werden, das wünsche ich niemandem. Weder Mensch noch Hund. Vielleicht einfach mal darüber nachdenken, wie man es selbst gerne hätte oder als Kind lieber gehabt hätte. Und ob das nicht einer der vielen Gründe ist, warum Hunde verhaltensauffällig werden. Denn sie sind es nicht von Geburt an.

Die Wachsamkeit liegt in der Genetik des Hovawarts und sollte entsprechend gewürdigt werden

Fakt ist, egal ob Schäferhund, Mastiff, Malteser, Dackel oder Hovawart, sie alle haben es verdient, freundlich aufwachsen zu dürfen. Bei allen erreicht man damit auch alles, was man erreichen möchte. Früher oder später. Je nach Geduld des Menschen und Genetik des Hundes. Damit hat Michèle mir sehr geholfen. Dass die Genetik nicht der Grund ist, warum ein Hund mit Strenge oder Freundlichkeit erzogen werden muss. Sondern die Genetik das Verhalten eines Hundes erklärt, warum er wie reagiert. Paul ist ein Hovawart, damit ein Wachhund. Er gilt als wachsam und hingebungsvoll, was ich vollumfänglich unterschreibe.

Habe ich zu Beginn des Beitrags Paul als ausgeglichen und sich bestens in unser Leben integriert beschrieben, wenn wir die Haustür von innen schließen oder draußen mit Ihm alleine sind. So verhält es sich anders, wenn wir uns auf der anderen Seite der Haustür befinden oder Begegnungen ausgesetzt sind.
Sobald wir unser berechenbares und ruhiges Zuhause verlassen, legt Paul ein anderes Verhalten an den Tag. Alle seine Antennen sind auf Empfang, er nimmt alles wahr, was um ihn herum geschieht. Menschen, Autos, Fahrräder, Vögel, eine Mülltonne die am Morgen noch nicht da stand, ein Papier, das auf dem Gehweg liegt. Sind die Reize direkt vor seiner Nase, bellt und springt er in die Leine. Bedrohlich wirkend für einen Außenstehenden, in Wirklichkeit harmlos. Weil Paul schlicht und ergreifend nur seinen Job macht und ich ihn mit meiner Körpergröße und Statur auch gut handeln kann.
Allerdings brachte mich die Wirkung auf die Außenwelt zeitweise etwas aus dem Konzept und setzte mich ungewollt unter Druck. Alles wäre kein Problem, wäre Paul ein kleiner Yorkshire Terrier. Er ist nun aber einmal ein großer, schwarzer Hovawart.

Michèle gab mir den entscheidenden Hinweis, weil ich mich mit diesem Problem an sie gewandt habe. Paul tue nichts anderes, als seiner Bestimmung nachzukommen: er passe auf. Dafür dürfe er selbstverständlich nicht bestraft werden, denn es wurde mühselig in ihn hinein gezüchtet (für alle Leser, die unsere Geschichte nicht kennen: Paul haben wir als Welpe aus dem Tierheim adoptiert und ich kannte die Rasse vorher nicht). Das müsse man natürlich erst einmal loben. Dann erst solle man ihn aus der Pflicht nehmen und für Vertrauen und Sicherheit sorgen. Über die Stimme, über freundliche Worte und ein entspanntes Verhalten.
Googelt man zu diesem Thema oder würde man „Experten“ aus einer Facebook-Gruppe befragen, sähe der Lösungsweg ein wenig anders aus.

Ja, hier braucht es Geduld. Keinen Leinenruck, keine harschen Kommandos, keine Bestrafung, keinen sanften Tritt in die Seite. Noch dazu zählt der Hovawart zu den Spätentwicklern, da seine vollständige körperliche und geistige Entwicklung frühestens mit drei Jahren erst abgeschlossen ist. Da er so spät reif ist, braucht er für alles etwas länger als andere Rassen. Das ist für mich alles, was ich bezüglich Rasse wissen muss. Geduld habe ich endlos. Denn das Ergebnis wird ein vertrauens- und liebevolles Verhältnis sein, das dann sein ganzes Hundeleben lang anhalten wird.

Mit diesem Wissen bin ich seither sehr viel entspannter, weil es mich bestätigt hat. Ich habe Paul zum Leidwesen anderer nie angeblafft oder gemaßregelt. Was nicht unbedingt auf Verständnis stößt.
Ich war vor ein paar Wochen noch sehr spät mit Paul unterwegs auf einer letzten Pipirunde. Aus dem Nichts tauchte plötzlich ein älterer, etwas gewöhnungsbedürftiger Mann auf. Ich bin erschrocken, Paul hat aufgepasst und entsprechend reagiert. Wofür ich dankbar war und ihn entsprechend gelobt habe. Nicht gerade zum Wohlgefallen des Störenfrieds…

Den wichtigsten Quantensprung in Pauls Entwicklung habe ich einem Facebook-Beitrag von Michèle zu verdanken. Es ging um die Schleppleine im Allgemeinen. Ich war zunächst nicht einverstanden, weil es mein damaliges Ziel oder meine romantische Vorstellung war, dass die Leine nur eine Übergangslösung ist und es das große Ziel sei, dass Paul irgendwann gar keine Leine mehr brauchen würde. Das habe ich in einem Kommentar entsprechend kommuniziert. Jeder Trainer, den ich bis dahin kannte, hätte es dabei belassen. Entweder gar nicht reagiert oder mich harsch kritisiert. Sie allerdings hat sich die Mühe gemacht, mir sehr ausführlich und konstruktiv die Vorteile einer Schleppleine zu erklären.
So eindrucksvoll, dass ich seither nie wieder ohne unterwegs bin. Schon beim ersten Einsatz habe ich gemerkt, wie sehr viel entspannter unser Spaziergang dadurch geworden ist. Weil Paul damals noch nicht zuverlässig im Rückruf war. Sah er am Horizont, dass sich etwas bewegt hat, hatten wir keinen Einfluss mehr auf ihn. Er war zwar ausschließlich in friedlicher Mission unterwegs, wollte einfach nur nachsehen und Hallo sagen. Das wussten aber die anderen nicht und wir hatten in dieser Zeit sehr viele Anfeindungen. Ich war ratlos, weil der Rückruf irgendwie geübt werden musste, wir aber in einen Teufelskreis aus Anspannung und vielen Diskussionen gerieten. Noch dazu ist der Hovawart ein Hund, der in Frage stellt und selbst über den Zeitpunkt entscheidet, wann er etwas tut oder eben nicht. Ich stand ständig unter Stress, weil ich zwischen Paul und erregten Menschen vermitteln musste. Mit dem nötigen Respekt und Verständnis für beide Seiten. Paul sollte nicht der Leidtragende sein.

Ein entspannter Paul beim Beobachten: der Verdienst der Schleppleine

In der Tat hat ihn die Schleppleine entspannt. Vielleicht weil sie mich zuerst entspannt hat und er meine Erleichterung gespürt hat. Dass wir niemanden mehr belästigen und es keine bösen Worte mehr gibt. Es gibt Videos, da sitzt er mehrere Minuten da und beobachtet. Mit der entsprechenden Individualdistanz ist Paul unglaublich entspannt und geduldig. Er schaut Menschen mit ihren Hunden nach bis er sie nicht mehr sieht. Diese Zeit lasse ich ihm ausnahmslos, wenn er sie braucht. Ich glaube, dass er dadurch lernt, dass er nicht überall hinrennen muss. In der Zwischenzeit sind mein Mann und ich ihm wichtiger geworden, was ich niemals zu hoffen gewagt hätte. Was aber auch nicht mein Ansinnen war, für Paul wichtiger als alles andere zu sein. Aber jetzt ist es so. Er genießt unsere aufrichtigen Komplimente, unsere von Herzen kommende Anerkennung, unsere große Liebe für ihn und wenn er sich entscheiden muss, weil wir ihn freundlich rufen, dann entscheidet er sich in den meisten Fällen für uns. Noch ist er in der Pubertät und keine zweieinhalb Jahre alt.

Gloria Volkheimer (Fiffi & Struppi)

So komme ich zu meiner zweiten, sehr vertrauenswürdigen Quelle für „Erziehungsfragen“. Ebenso nicht über eine Werbung gefunden, sondern durch eine Empfehlung. Gloria Volkheimer, zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltenstherapeutin (fiffiundstruppi.de), mit ihrem sehr hörenswerten Podcast „Fiffi & Struppi hören zu„. Mit sehr lehrreichen Folgen rund um beliebte Themen wie Leinenbegegnungen, Gestaltung von Spaziergängen, Trainingsmethoden, Hitzetipps, den Umgang mit Menschen, Entwicklungsphasen… Entweder referiert sie sehr kurzweilig alleine oder sie unterhält sich mit ebenso freundlichen Fachleuten auf einem sehr ansprechenden Niveau.

Ihre Podcastfolgen haben eine fast meditative Wirkung auf Paul und mich. Weil sie durchgehend freundlich und positiv (Alltags)Probleme anspricht und hoffnungsvolle Lösungswege aufzeigt. Auch bei ihr sind das Management von Hundebegegnungen Thema. Aber nicht mit Groll betrachtet, sondern als Chance zum Üben. Sie hat sehr viel mehr Leichtigkeit in unsere Spaziergänge gebracht, weil sie es geschafft hat, meinen Blickpunkt zu verändern. Aus Anspannung wurde freudige Erwartung. Hey, da vorne kommt ein Hund. Statt: Um Himmels Willen, was mache ich bloß? Denn Hundebegegnungen können bei anderen Trainern auch schon mal in die Kategorie Schwerverbrechen fallen.

Wir sind noch lange nicht so weit, dass Begegnungen entspannt vonstatten gehen. Auch Gloria Volkheimer plädiert für Geduld, Trainingspausen, Einhaltung der Individualdistanz (bei Paul reicht eine Straßenbreite noch nicht).
Interessant fand ich eine Podcastfolge, in der es darum ging, den entgegenkommenden Hundehalter einzuschätzen. Ob es deshalb nicht manchmal sogar besser ist, umzukehren oder wenn möglich einen großen Bogen zu laufen, wenn der dazugehörige Hund aversiv erzogen wird. Um seinem eigenen Hund eine negative Erfahrung zu ersparen.

Eine erzwungene, durch Druck und Sanktionen eingeforderte Anerkennung ist keine aufrichtige Anerkennung

Sehr interessant fand ich eine Podcastfolge, in der es um Macht und Anerkennung ging.
„Eine erzwungene, durch Druck und Sanktionen eingeforderte Anerkennung ist keine aufrichtige Anerkennung“, besagt eine Theorie des Philosophen Hegel.
So viel zu den Hundehaltern, die so unglaublich stolz auf ihre Soldatenhunde sind. Die nicht nach links oder rechts schauen dürfen, nicht schnüffeln dürfen, auf nichts reagieren dürfen, außer auf die Handbewegungen oder Kommandos ihres Herrchens, mit dem sie im Gleichschritt laufen. Ich finde das sehr traurig!
Um ehrlich zu sein, bin ich fast etwas erleichtert, dass Paul (noch) ein kleines Wildpferdchen ist. Er ist nicht mein Untertan und darf eigenständig reagieren. Irgendwann wird es seine Entscheidung sein, nicht mehr zu reagieren und entspannt unseres Weges zu gehen.

Fazit

Die wirklich guten Hundetrainer findet man nicht über Werbung bei Facebook! Man findet sie wie einen guten Handwerker, gutes Restaurant, guten Frisör, guten Arzt… über die Empfehlung gleichgesinnter Menschen. Man entwickelt ein Gespür dafür, wessen Rat man annimmt und was man am besten gleich wieder vergessen sollte.
Auch Facebook-Gruppen, deren Fokus auf Erziehung liegt, sind nur wenig zielführend. Im Gegenteil, sie tragen eher zu allgemeiner Verunsicherung bei. Denn dort tummeln sich sehr viele selbsternannte Experten, die aus der Anonymität heraus große Töne spucken. Je lauter, desto schlimmer. Wie will man mit einer militanten Art ein guter Ratgeber sein? Wer wirklich etwas zu sagen hatte und wem am Herzen lag, dass alles gut wird, der hat sich persönlich bei mir gemeldet.

Schon lange hat ein neues Zeitalter der Hundeerziehung Einzug erhalten. Trifft man auf die wirklich ernstzunehmenden freundlichen Hundetrainer und liest man aktuelle Literatur, dann gibt es gar keine Alternative. Erstaunlich, wie vehement sich dagegen gewehrt wird, ohne sich jemals damit befasst zu haben. Wie groß die Ablehnung ist, ohne es je probiert zu haben.

Für alle Zweifler: Paul ist der beste Beweis! Hätten wir keinen dickköpfigen Hovawart, sondern einen kleinen, gutmütigen Mischling, wir wären wahrscheinlich das beste Aushängeschild überhaupt für ein perfektes Team.
Aber gerade bei so einem selbstbewussten Charakter wie Paul es ist, zählen unsere Erfolge doppelt. Am Feinschliff arbeiten wir noch. Beziehungsweise er wird von ganz alleine kommen. Paul bestimmt den Zeitpunkt. Vieles geschieht von heute auf morgen, ohne dass wir es erwartet hätten. Wir werden einfach nicht müde und bleiben geduldig.
Wenn ich aufliste, was Paul alles kann, was er schon verinnerlicht hat, wie er ist und zu welcher Persönlichkeit er sich entwickelt hat, bin ich sehr, sehr selig und stolz auf diesen jungen Mann.

Dabei haben wir keine Tricks, keine Kommandos, keine Methoden, keine feste Hand angewandt. Paul durfte und darf sich seinem Wesen und seiner Genetik entsprechend entwickeln. Paul, mein Mann und ich waren von Anfang an ein liebevolles und geduldiges Team. Wir leben einfach miteinander und Paul fügt sich perfekt wie ein Puzzleteil ein.

Ich gebe zu, dass ich manchmal unsicher war. Ich habe das zu Beginn erklärt, ich hatte schlicht und ergreifend Angst, etwas falsch zu machen. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich mich bis dahin auch noch nie mit dem Hundeverstand und den aktuellen Trainingsansätzen befasst hatte. Auch dafür bin ich Paul sehr dankbar, dass ich mit ihm die Möglichkeit habe, all das zu lernen, zu verstehen und mit ihm zu erleben.

Verständnis, Einfühlungsvermögen und Geduld sind die Basis für die perfekte Mensch-Hund-Beziehung

Ich bin kein Hundetrainer, kein Verhaltenstherapeut und kein Hovawart-Experte. Was ich aber mittlerweile mit Sicherheit sagen kann, WIE und WARUM ein Hund verhaltensauffällig wird. Besonders, wenn es sich um so starke Charaktere handelt wie Paul einer ist. Sie brauchen dann alles, nur keine feste Hand, Strenge oder Bestrafung. Sondern vielmehr Verständnis, Einfühlungsvermögen und Geduld. Hätten wir Pauls Willen und seinen Charakter zu brechen versucht, dann wäre er heute eine tickende Zeitbombe. So wie es viele Hovawart-Besitzer mir ungewollt kommuniziert haben. Trotz Hundeschule und hartem Training. Weil sie mich warnen wollten, dass ich mit meiner „Wattebausch-Methode“ nicht weit kommen würde. Stattdessen haben sie mit ihrer Art die Probleme erst geschaffen, wovor man mich warnen wollte.

Ganz viele Hovawarte werden schon nach ein paar Wochen oder Monaten wieder abgegeben. Das Internet ist voll von verhaltensauffälligen und nicht mehr gewollten Hovawarten. Weil man überfordert ist, mit der selbstbewussten Art nicht zurecht kommt, man gebissen wurde oder sich um die Kinder fürchtet. Auf wie vielen Fotos sehe ich einen Maulkorb.
Hat man mir auch prophezeit, dass Paul mit spätestens anderthalb Jahren wieder als Problemhund im Tierheim landen wird.

Pauls Diebeszüge, was unser Essen anbelangte, gehören schon lange der Vergangenheit an – seine Entscheidung!

Paul kennt kein „Nein“. Trotzdem weiß er mit seinen knapp zweieinhalb Jahren, was er darf und was wir nicht so gut finden. Er stiehlt nichts mehr vom Tisch, das war lange seine Leidenschaft. Weil er weiß, dass er auch ohne Diebeszug etwas bekommt.
Wenn er erwartungsvoll vor seiner Schublade in der Küche steht, in der seine Leckerchen aufbewahrt sind, dann bekommt er eines. Ich finde das schön, wenn ein Hund sich mitteilen kann. Paul nutzt das nicht aus und macht es auch nicht regelmäßig. Nur dann, wenn ihm danach ist.
Er freut sich, wenn er sieht, dass ich sein Essen zubereite. Er kommt in die Küche, legt sich brav hin und wartet geduldig bis ich ihm seine Schüssel vorsetze. Da braucht es keine Impulskontrolle. Es ist von Natur aus alles sehr entspannt.

Die Basis einer perfekten Mensch-Hund-Beziehung: Vertrauen auf beiden Seiten

Paul hat noch nicht einmal geknurrt, die Lefzen hochgezogen oder gar geschnappt. Wie oft musste ich ihm schon in sein Mäulchen fassen, weil ich nicht wusste, was er draußen aufgelesen hatte. Oder weil er etwas stibitzt hatte, was nicht gut für ihn gewesen wäre. Ich kann ihm seinen Napf wegnehmen, wenn ich eine Zutat vergessen habe. Er hält still, wenn ich ihm die Ohren säubern muss oder wenn wir ihm an schwierigen Stellen eine Zecke entfernen müssen. Im Herbst sind wir oft stundenlang beschäftigt, ihm Hunderte von Kletten aus seinem Fell zu entfernen. Das lässt er sich sehr geduldig gefallen. Wenn es ziept, leckt er unsere Hand. Noch nie ist er vor uns zurückgeschreckt. Noch keiner unserer Hunde lag so oft auf dem Rücken und hat alle Viere von sich gestreckt. Sobald er uns sieht, zeigt er uns seinen Bauch. Unzählige Male wälzt er sich auf unseren Gassirunden in der Wiese. Voller Lebensfreude und Glück. Das ist der Lohn für unsere Geduld. Die schönste Bezahlung auf der ganzen Welt. Das wird aus einem Hund, wenn man ihn respektiert. Wenn man mit ihm lebt und sich auf ihn einlässt.