Hovawart Pauls 6. Geburtstag – der Hund, der noch immer lacht
Paul ist auch nach sechs Jahren noch nicht das Lachen aus seinem schönen Gesicht gewichen. Er hat sich seit der Welpenzeit nicht wesentlich verändert. Er genießt mit seinem unverkennbaren Temperament, seiner vor Funken sprühenden Lebensfreude und seiner unverbogenen Art sein wunderschönes, leichtes Leben.
Doch, natürlich hat sich etwas verändert, seit wir Paul, einen Hovawart, im April 2020 aus dem Tierheim adoptiert haben. Er hat an Gewicht und (geistiger) Größe zugelegt. Sein intuitives Urvertrauen, dass er von Anfang in uns, meinen Mann und mich, hatte, ist jetzt in Stein gemeißelt. Nach sechs Jahren weiß er sicher, dass wir sein Fels in der Brandung sind, was seinem Hundeglück noch mehr Ausdruck verleiht. Was sich äußert, wenn er sich während eines Spaziergangs ganz oft nach uns umsieht, weil es ihm wichtig ist, dass wir zu ihm schauen, uns für ihn und seine Aktionen interessieren, um dann ganz schnell zu uns gerannt zu kommen, um sich Streicheleinheiten und einen Keks abzuholen. Er wälzt sich gerne auf grünen, saftigen Wiesen. Man spürt seine positive Energie, sein Verschmelzen mit dem Hier und Jetzt.
So viele Trainer, die tatsächlich Workshops anbieten, um zu lehren, wie man für seinen Hund wichtig wird. Wichtiger als alles andere. Was so überflüssig wie ein Kropf ist, wenn man sechs Jahre so mit seinem Hund gelebt hat, wie wir es getan haben und niemals etwas daran ändern werden.
Über die wahren Hintergründe von Vertrauen und Bindung
Ich wiederhole mich, aber vielleicht gibt es jemanden, der das hier liest und nicht weiß, dass ich keine Stunde erzogen oder trainiert habe. Ich lege mich fest, dass das für uns der beste Weg war, den wir hätten wählen können.
Ganz bestimmt würden sich die meisten für Training als erstes Mittel der Wahl entscheiden, wenn es an Vertrauen und Bindung mangelt. Traurig, dass es überhaupt Tipps braucht. Gibt es für Eltern Trainingseinheiten, wie sie beides mit ihren Kindern aufbauen? Wohl kaum. Das beweist sich auch in dieser Beziehung über die Jahre hinweg automatisch, wird schon im Mutterleib aufgebaut.
Es war von beiden Seiten Liebe auf den ersten Blick. Ein kleines aufgewecktes Kerlchen sprang wie ein Wilder am Zaun des Geheges hoch und war sich sicher, dass wir gekommen waren, es zu holen. Wie recht Paul doch hatte. Auch ich hatte nur Augen für ihn. Mir schossen sofort die Tränen vor Ergriffenheit in die Augen und ich wußte sicher, dass der vor Freude Hüpfende unser Paul war. Bereits nach fünf Minuten hielt ich ihn in meinen Armen und versprach ihm das schönste Leben, welches ein Hund nur haben kann.

Ich habe Wort gehalten. Diese ungebremste Leidenschaft, diese unumstößliche Selbstsicherheit, diese selbstverständliche Bestimmtheit hat Paul sich bis heute bewahrt.
Ich weiß das, muss es aber anderen immer und immer wieder erklären. Die sich gestört fühlen, weil Paul sein Temperament und seine Persönlichkeit leben darf. Er ist nun mal nicht von Geburt an entspannt, zufrieden und bescheiden, wie seine Vorgängerin es war. Er kam, sah und siegte. Er ist mutig, selbstbewusst, unabhängig, schlau, neugierig, wachsam, interessiert, alles andere als gefallsüchtig. Gesegnet mit einer einzigartigen Treffsicherheit, Freundlichkeit und Liebe zu erkennen. Segen und Fluch zugleich. Ein Segen für diejenigen, die er mag. Denn die sind entzückt und ergriffen, wie ungebremst er seine Sympathie zeigt. Ein Fluch für mich, denn die, die er nicht mag, lässt er es lautstark wissen. Nicht mehr, nicht weniger. Aber es genügt, dass wir deshalb vielerorts nicht gerne gesehen sind.
Ich verstehe Paul so gut. Fühle, was er fühlt. Kenne seinen Charakter, sein Rückgrat. Ich bin immer an und auf seiner Seite, weil ich ihn verstehe. Ich lebe 24 Stunden täglich mit ihm. Wir sprechen miteinander. Ich mit ihm. Er mit mir. Ich weiß, worüber er sich freut und was ihm gefällt. Was ihn befremdet, erschreckt und aufregt. Was ihn gruselt. Ich kann sein Bellen deuten, weil es mich interessiert, was er zu sagen hat. Ich kann ihn beruhigen, ich kann ihm die Welt erklären, mich mit ihm zusammen freuen.
Das alles darf er, weil es aus ihm heraussprudelt. Ich verbiete ihm seine Gefühle und Reaktionen nicht. Wie man sie auch mir nicht nehmen kann. Ich sanktioniere nicht, weil ich Verständnis habe.
Ich bin Pauls Mittelpunkt der Welt. Ich bin ihm wichtig. Wichtiger als alles andere auf der Welt. Er möchte, dass es mir gut geht. Erkennt, wenn es nicht so ist. Das wusste ich, da war er noch nicht einmal ein Jahr alt, dass in Paul ein einzigartiges Einfühlungsvermögen ruht. Was sogar ICH diesem stürmischen, hyperaktiven Wesen in dieser Stärke nicht zugetraut hätte. Auch nicht erwartet habe, denn ICH bin diejenige, die alles Unschöne und Sorgen von ihm fernhält, damit er es fein hat. Da saß ich eines Morgens in Tränen aufgelöst und großem Kummer auf der Bettkante, Paul legte sich über meinen Schoß und leckte mir leidenschaftlich übers Gesicht. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wusste ich, was für ein zauberhaftes Wesen da heranwächst.

Mittlerweile sind wir miteinander verschmolzen. Alles ist so selbstverständlich und leicht. Paul versteht jedes Wort. Gar nie muss ich ungeduldig sein, Paul reagiert. Ich müßte mir auch draußen keine Sorgen mehr machen, wenn er im Freilauf ist. Denn Paul hat in den letzten sechs Jahren über Erfahrungen, übers Beobachten und an meiner Seite gelernt, was richtig und falsch ist, wovon keine Gefahr ausgeht. Dass er eigene Entscheidungen treffen darf, weil es gute Entscheidungen sind. Paul ist unverdorben und unbedarft, hat in sechs Jahren keine schlechten Erlebnisse gehabt. Ich habe sie ihm zuliebe alle abgefedert, damit seine Welt heil bleibt und ihn nichts belastet.
Das hat ihn zu einem souveränen, zuverlässigen und gänzlich ungefährlichen Rüden werden lassen. Das anerkennen jedoch die anderen nicht, sie sind auf einem komplett anderen Weg. Haben andere Informationsquellen, Ansichten und Erkenntnisse. Dagegen bin ich machtlos, ebenso gegen Gerüchte, Kolportagen und lebhafte Phantasien. Das macht die Gesellschaft aus, die Pluralität in allen Lebensbereichen. Man kommt nirgends auf einen Nenner. Das respektiere und danach lebe ich, denn wir kommen niemanden in die Quere. Das habe ich bestens und sehr vorbildlich im Griff, was mir tausendmal lieber ist, als Paul im Griff zu haben.
Paul tut, was ein Hovawart tun muss
Nun bin ich selbstverständlich nicht so verblendet und selbstherrlich, dass ich es allein meiner Art, mit Paul zu leben, zuschreibe, dass er so hingebungsvoll und voller Liebe ist.
Natürlich schallt es aus dem Wald, wie es hereinruft, bei aller Romantik und allem Anti-Rassismus lasse ich natürlich nicht Pauls Genetik unter den Tisch fallen.
Er ist ein Hovawart, gezüchtet, um auf Bauernhöfen zu wächtern. Daran ändere auch ich nichts. Vor allem ICH nicht. Denn ich respektiere das, versuche mich in Pauls Denkweisen einzuloggen und sein Verhalten zu verstehen.
Wer gedacht hat, dass es einfach ist, nicht zu erziehen und zu trainieren, hat sich geirrt. Denn seinen Hund zu verstehen, seine Verhaltensweisen nachzuvollziehen, ihm in seinem Kontext die Welt zu erklären, ist bei weitem sehr viel anspruchsvoller. Gefolgt davon, alles in geordnete Bahnen zu führen.

Ein Hovawart liebt Haus, Hof und seine Menschen. Das beweist er, indem er gewissenhaft darauf aufpasst.
Wir leben auf keinem Bauernhof, sondern inmitten einer beliebten Altstadt. Wir haben bodennahe Fenster zur Straße hinaus, einen hochgelegenen Balkon mit freier Sicht. Beides nutzt und liebt Paul und sehe ich als die perfekte Alternative zu einem Bauernhof und die perfekte Wohnsituation für einen Hovawart. Weil er, wann immer er es für notwendig erachtet, aufpassen kann. Das macht er in der Tat sehr virtuos, ähnlich professionell wie ein Polizist. Er unterscheidet, wann es wichtig ist, Bericht zu erstatten, wann nicht. Spazieren Menschen unauffällig vorbei, passt das. Verhalten sie sich auffällig, dafür hat Paul ein sicheres Auge, wird gemeldet. Ebenso Katzen und Hunde. Ich weiß jeweils sogar, was oder wen Paul gesehen hat. Je nach Tonlage, Intensität und Grad der Aufregung.

Das Schöne an Paul, nichts für Ungeduldige in Zeitnot, er erledigt seinen Job ja nicht seinetwegen, sondern für seine Menschen. Es wäre höchst undankbar, seine Sichtungen nicht entsprechend zu würdigen. Ihn zu loben, weil er so aufmerksam war. Ihm beizustehen, wenn ihn etwas aufgeregt oder gegruselt hat. Ihn zu besänftigen, wenn die Katze nicht aus seinem Sichtfeld weicht und sie es sich auf der Mauer gemütlich macht. Sich gemeinsam zu freuen, wenn einer seiner Lieblingshunde vorbeiläuft. Dann schaut Paul jeweils zu mir, ob ich mich schon auf den Weg gemacht habe und gemeinsam kommentieren und moderieren wir die Geschehnisse. Das funktioniert übrigens auch sehr gut im Auto.
Einem Coach habe ich von meiner Not erzählt, dass es mir unangenehm ist, wenn Paul seiner Genetik vor der Haustür freien Lauf lässt. Wenn wir nicht schnell genug im Auto sind, jemand sich uns nähert, der uns nicht wohlgesonnen ist oder nicht wissen kann, was Paul für ein Typ Hund ist. Dass Paul nicht gefährlich ist, sondern nur tut, was ein Hovawart tun muss.
Seine Anwort kam schnell, klar und deutlch: „Heike, Paul wäre ein scheiß Hovawart, wenn er das nicht machen würde.“Da war ich dann doch wieder ein ganz klein wenig stolz auf mich, Pauls Wesen nicht verbogen, ihm nicht seiner Würde beraubt zu haben.
Was 6 Jahre „Waldorfschule“ aus einem Hovawart machen
Manchmal lese ich mir meine Beiträge zu Paul nochmal genau durch. Mit der Befürchtung, zu der ein oder anderen Aussage nicht mehr zu stehen. Überflüssig, denn schließlich habe ich zu keinem Zeitpunkt anders gehandelt, als aus dem Bauch heraus. Immer meinem Gewissen und meinem Charakter verpflichtet. Niemals auf Meinungen gehört, die nicht meiner Ethik entsprachen.
Vom Schimpfen ist in einem meiner älteren Beiträge die Rede. In der Tat kann ich damit bis heute Pauls Aufmerksamkeit auf mich ziehen, wenn der Übermut und die Aufregung ihn übermannen. Ich erhebe die Stimme, ohne mit dem Finger zu drohen oder mich vor Paul aufzubäumen. Er funkelt mich mit seinen wachen, großen Augen selbstbewusst und vertändnislos an, hat selbstverständlich das letzte Wort, ist dann schließlich doch kompromissbereit. Es geschieht zu seinem Wohl, das ist mir wichtig.
Wenn ich mich beschreiben soll, dann bin ich respektvoll, ehrlich, empathisch, freundlich, introvertiert, selbstsicher. Ich bin nicht laut, gemein, geltungssüchtig. Ich muss nicht im Mittelpunkt stehen. Ich mag nicht Chef sein. Ich mag es entspannt und geregelt. Ich mag keinen Streit, vermeide Auseinandersetzungen. Bin nicht übermäßig ehrgeizig, muss mich nicht messen. Damit bin ich fein.
Da ich Tierschützerin bin, ich darf mich so bezeichnen, weil ich aus ethischen Gründen vegan lebe, zeigt sich mein Charakter nicht nur mir oder anderen Menschen, sondern auch oder besonders in meinem Umgang mit Tieren. Selbstverständlich sind das für Paul wunderbare Voraussetzungen.
Einzig meine durchlässigen Membrane machen mich empfindlich für Anfeindungen, Streit und alle Disharmonien. Dann schaffen es böse Worte und sogar unsachliche Argumente zu meinem Unterbewusstsein durchzudringen und sich dort festzusetzen. Da machen sie es sich gemütlich, um sich doch hin und wieder mal bei mir zu melden. So. Die Rechnung haben alle Widersacher ohne Paul gemacht. Denn er passt wie ein Puzzlestück zu mir und hat es als einziger in meinem schon lange währenden Leben geschafft, mich unbeirrt vom Gegenteil zu überzeugen. Zu keiner Zeit hat Paul mir meine kritischen Blicke und Sorgenfalten übel genommen und ist unbeirrt ein ganz großartiger und besonderer Paul geworden. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ich habe bei weitem mehr von ihm gelernt, als er von mir.
An all seinen Geburtstagen war ich immer neugierig, wo wir ein Jahr später stehen würden. Würde es einfacher? Wäre Paul plötzlich „brav“? Würden wir alle Kritiker Lügen strafen, weil da auf einmal ein kleiner Soldat neben mir hertrottet?

An seinem 6. Geburtstag bin ich nicht mehr neugierig. Sondern froh und erleichtert, dass Paul sich seine Unbedarftheit bewahrt hat. Dass er gesund ist. Dass er noch nicht ein einziges graues Haar hat.
Dass er sich zwar aufgrund seiner liebsten Beschäftigung, dem Beobachten (drinnen wie draußen), an Radfahrer, Fußgänger, Jogger und andere Hunde gewöhnt hat, er aber, wie es sich für einen schlauen Hovawart gehört, Auffälligkeiten und unerhörtes Verhalten meldet. Dass er deutlich kommunizieren kann, um in seinen Bedürfnissen wahrgenommen zu werden.
Für mich sehr bemerkenswert, in welcher Art er mir zeigt, dass er Bauchschmerzen hat und er gerne nach draußen möchte. Er hat eine genetische Bauchspeichdeldrüsenunterfunktion, die seine Verdauung beeinträchtigt, wenn ihm zum Beispiel das gezupfte Gras zu schwer im Magen liegt oder er etwas Falsches erwischt hat. Wir fahren mit dem Auto an einen abgeschiedenen Ort, drehen dort so lange unsere Runden, liegen so lange in der Wiese, bis Paul sich aller Quälgeister entledigt hat. Dann kehrt das Leben in sein schönes Gesicht zurück, die großen Augen strahlen und sein dankbarer Blick trifft mich mitten ins Herz.
Die letzten Jahre haben mir mehr als jemals zuvor gezeigt, wie wichtig es ist, sich sein eigenes Bild zu machen, zu hinterfragen, über den Tellerrand zu schauen.
Natürlich hätte ich Paul erziehen und mit ihm trainieren können. Früher oder später wäre Paul vielleicht genauso geworden, wie all die anderen Hunde, für die man bewundert wird. Das hätte ich aber weder für Paul, noch für mich gemacht, sondern für die anderen da draußen. Damit die Nachbarn nicht mehr über uns reden und ich nicht mehr anecke.
Ich hätte nichts gelernt, sondern dazu beigetragen, dass die ewig gestrigen Methoden niemals hinterfragt werden. Ich hätte die Erfahrung nicht gemacht, was ein achtsamer Umgang auf Augenhöhe mit einem Hund macht. Dass er nicht die Weltherrschaft übernimmt, obwohl wir keine Impulskontrolle, Raumverwaltung, Frustrationstoleranz, Auslastung, kein Deckentraining praktizieren. Obwohl er nicht auf Fußhöhe und an kurzer Leine neben mir läuft.

Natürlich kann ich Lieschen Müller nicht überzeugen, weil sie mit dem Temperament nicht klarkommt, sein Verhalten und sein Bellen nicht versteht und falsch interpretiert. Aber es ist MEIN Hund, ich bin in erster Linie IHM verpflichtet. Ich setze meinen Stellenwert für Paul nicht aufs Spiel, missbrauche sein Vertrauen nicht.
Da wir niemandem in die Quere kommen, habe ich mir nichts vorzuwerfen. Dass Hundegebell nicht erwünscht ist, daran haben wir uns gewöhnt und müssen damit leben.
Gerade weil die letzten sechs Jahre so schnell vergangen sind, die nächsten vielleicht noch schneller vorbeiziehen, möchte ich nie etwas bereuen müssen. Ich möchte nie darüber nachdenken müssen, dass ich hätte freundlicher und liebevoller sein können.
Stattdessen genieße ich Pauls Blicke, die Nähe, sein glückliches Gesicht, seinen stolzen Gang, seine Unbedarftheit. Dass Paul nichts Schlechtes kennt, er noch nie geknurrt oder gar gebissen hat, er nicht zusammen zuckt, wenn ich eine ungeschickte Bewegung mache. Von meiner Hand kommt nur Gutes, Streicheleinheiten oder Kekse. Ich kann ihm etwas aus dem Mund nehmen, wenn es nicht gut für ihn ist. Er stürzt sich nicht an seine Mahlzeiten, weil er weiß, dass es seine sind und eher etwas dazu kommt, als dass etwas weggenommen wird. Er kennt die Tagesabläufe, in die er sich einbringen darf. Ich bleibe immer transparent, klar und fair.
Paul lebt so, wie wir es für uns wünschen würden. Wie jedes Lebenwesen leben sollte. Denn dafür ist das Leben da, um es sich fein zu machen, um unbeschwert zu sein.
Wenn es stimmt, dass ein glückliches Leben die Basis für ein gesundes und langes Leben ist, dann sollte unser Beispiel Schule machen.